Man lernt eben nie aus

Wer sich schon immer für den Frankenwein interessiert, weiß vielleicht, warum früher in jedem Winzerkeller - übrigens nicht selten bis heute - stets eine brennende Kerze stand?

Erfahrene Winzer trugen (und tragen in alten Weinkellern ohne Messtechnik bisweilen auch heute) beim Betreten der Kellergewölbe, in denen Most zu Wein vergoren wird, stets eine brennende Kerze vor sich her. Mit Kuschelromantik hat dieses Verhalten indes nichts zu tun.  Auf diese Weise retteten sie unter Umständen ihr Leben. Bis zuverlässige Spürsensoren für moderne Winzereibetriebe und Kellereien entwickelt wurden, war es tatsächlich lebensgefährlich, ohne brennende Kerze in den Weinkeller zu gehen. Und das kam so:

Bei der Gärung von Alkohol entsteht Kohlendioxid – das CO².  Bei der Gärung von viel Alkohol in einem Weinkeller entsteht viel CO² - je nach Größe der Gärfässer und der Phase in der sich der Most befindet. Kohlendioxid ist schwerer als Luft, weshalb es sich vor allem in Bodennähe anreichert.  Das bedeutet: je näher am Boden, desto dichter der CO²-Gehalt und desto weniger Sauerstoff. Betritt nun ein Mensch einen Weinkeller, in dem Most gärt, atmet er statt Sauerstoff CO² ein. Das Problem ist: Kohlendioxid wirkt zunächst anregend auf unser Atemzentrum, bevor es die Atmung regelrecht lähmt und der Mensch erstickt. Sogar heute noch sterben in sehr alten Weinkellern gar nicht so selten Menschen, nicht zuletzt deshalb,
weil Kohlendioxid völlig unsichtbar und geruchsneutral ist. Dabei war (und ist) es ganz einfach, das Risiko einer gefährlichen Konzentration von CO² in der Luft zu prüfen. Geht besagte Kerze, die man vorzugsweise an einem langen Stock vor sich herträgt, aus, sollte man schleunigst zusehen, dass man den Weinkeller wieder verlässt. Hat nämlich die Kerze zu wenig Sauerstoff, um zu brennen, wird er für einen Menschen definitiv ebenfalls nicht reichen.